Luca gestrandet in der Türkei

Über einen Monat nach Beantragung meines Visums war es dann so weit. Ohne offizielle Ablehnung oder Bestätigung, fuhren wir mit unserem Auto Richtung Grenze. Vier von einander unabhängige iranische Reiseagenturen hatten uns im Vorfeld bestätigt, dass die Beantragung eines „Visa-on-Arrival“ an den Grenzübergängen zwischen Türkei und dem Iran möglich ist. Die Erfahrungen mit den Behörden ließ uns an dem Erfolg dieses Unterfangens zweifeln aber wir waren an einen Punkt gelangt, an dem nichts zu tun uns in den Wahnsinn trieb.

Wochenlang beschäftigte uns die Visa-Frage nun schon und die Unzugänglichkeit der Behörden war schlicht unfassbar. Wir wollten die Entscheidung jetzt herbeiführen, auch wenn wir dafür mit dem Kopf durch die Wand, beziehungsweise die Grenze, mussten.

So fuhren wir dann abends aus Van, durch tiefes Kurden Gebiet, Richtung Grenze. Gegen Morgen wollten wir möglichst nah am Grenzbereich sein, da wir von Reiseberichten gelesen hatten, in denen die Überfahrt oft Stunden dauerte. In dunkelster Nacht und bei dichtem Nebel fuhren wir in unserem Heim auf Rädern durch die schneebedeckten Berge. Die letzten Tage hatten wir von Leid und Hass aus dem Konflikt der Region gehört, was uns mit einem mulmigen Gefühl durch das verlassene Gebiet fahren ließ. Die Erinnerung an diverse schwerstbewaffnete Polizisten an Straßensperren und die dick gepanzerten Militärfahrzeuge, die man täglich durch die Straßen Vans fahren sieht, schürten diese Gedanken noch ein wenig.

Die Straße führte uns entlang einer Reihe kleiner verarmter Dörfer. Am Wegesrand einer dieser Ortschaften bemerkten wir zwei Männer in Militärs Kleidung. Was aus der ferne noch schwer zu erkennen gewesen war traf uns um so härter als wir an ihnen vorbeifuhren.

Sie hielten zwei Ak-47 in ihren Händen!

Es schien für uns ausgeschlossen, dass es sich um türkische Soldaten handeln konnte, da diese nicht nachts in einem solchen Gebiet so angreifbar vor sich hin spazieren würden und außerdem andere Waffen benutzten. Wir hielten sie für Kämpfer der PKK.

Auch wenn wir nichts zu befürchten hatten, da wir unparteiische in diesem Konflikt sind, werden wir uns erst noch an den Anblick unautorisierter Menschen mit Waffen gewöhnen müssen.

Nachdem wir auf einem gut beleuchteten Parkplatz vor einer Raststätte geschlafen und diverse Kontrollposten passiert hatten, kamen wir gegen 10 Uhr an der Grenze an.

Dominik wurde aufgefordert, mit unserem Auto die Grenze zu passieren, da er der eingetragene Fahrzeughalter ist und so stand ich mit rund 50 Kurden in der Schlange zum Schalter des iranischen Grenzbeamten.

Kurz gesagt: Ich bekam das Visum natürlich nicht.

Man könne kein Visum an der Grenze beantragen lautete die knappe Antwort des Beamten. Mitfühlender Unmut breitete sich unter den Mitwartenden aus, die kaum glauben konnten, dass sie mit ihrem türkischen Reisepass die Grenze passieren konnten, ich mit meinem deutschen aber nicht.

Dominik, bei dem alles reibungslos geklappt hatte, wurde kurz zu mir gelassen und brachte mir meine Jacke, ein Ladegerät für mein Handy und gab mir ein wenig Bargeld. Die Grenzbeamten empfahlen mir zum nächsten Flughafen zu fahren, nach Täbris (Iran) zu fliegen und dort das „Visa-on-Arrival“ zu beantragen. „Very easy“ lautete ihre Beschreibung. Sie verabschiedeten mich mit den Worten „You are welcome in Iran“ welches vor dem Hintergrund der letzten Wochen und der gefühlten Verweigerung der Behörden meinen Visums-Antrag zu bearbeiten, wie blanker Hohn in meinen Ohren klang. Sie meinten es jedoch als persönlichen Wunsch und beteuerten mir so nicht auf zu geben.

Dann war es schließlich so weit, Dominik und ich waren das erste Mal seit Beginn unserer Reise am 14ten Oktober getrennt. Der Plan war einfach, ich würde zum Flughafen fahren und von dort nach Täbris fliegen, wo Dominik mit dem Auto auf mich warten würde.

Während ich über die Schranke kletterte, die den Grenzbereich zwischen den beiden Ländern markiert, klappte diese nach vorne und traf mich am Bein, auf Höhe meines Handys, dass sich in meiner Hosentasche befand. Vor dem Gebäude stehend holte ich es hervor und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass der Bildschirm kaputt gegangen war.

Da stand ich also, ohne einen Weg mit Dominik oder meiner Freundin Valentina zu sprechen, die sich schon am Vortag große Sorgen gemacht hatte und auf Rückmeldung von mir wartete. Ich hatte nichts dabei außer den Klamotten an meinem Körper, Reisepässen, zum Glück meine Bankkarten und ein wenig Bargeld. Über die Absurdität meiner Situation lachend realisierte ich, dass ich von nun an erst einmal auf mich allein gestellt sein sollte.

Es half alles nichts, ich musste an dem mit Dominik verabredeten Plan festhalten und zum Flughafen gelangen. Ich teilte mir ein Taxi mit drei Anderen und schaffte es tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle dort an zu gelangen. Es wimmelte vor jungen Soldaten, die auf dem Weg nachhause zu sein schienen und überall fuhren große Militärfahrzeuge umher. Kompanien liefen von links nach rechts und sangen Marschlieder. Schnell dämmerte es mir, dass es sich unmöglich um einen internationalen Flughafen handeln konnte. Es gab tatsächlich auch nur zwei Maschinen, eine nach Istanbul und eine nach Ankara.

Ich entschied mich für Ankara. Da der Schalter ausschließlich türkische Visa-Karten annahm musste ich fast mein gesamtes Bargeld opfern, konnte mir den Flug aber gerade so leisten. Mit ausschließlich 50 TYL, weniger als 10 € stieg ich 4 Stunden später in Ankara aus dem Flieger. Nachdem ich aus einem mir unbekannten Grund mit meiner Kreditkarte kein Geld abheben konnte, klappte es dann zu meiner Erleichterung mit der Giro-Karte.

Nachdem ich mir in der Stadt das günstigste WhatsApp fähige Handy besorgt hatte suchte ich das nächste Hotel das ich finden konnte auf. Endlich in den eigenen vier Wänden angekommen bekam ich wieder das Gefühl Herr der Lage zu werden. Verrückt zu merken wieviel Sicherheit die wiedererlangte Vernetzung durch mein Handy mir brachte. Ich konnte wieder mit Dominik, Valentina und meiner Familie kommunizieren und mir einen Überblick über Preise und Lage verschaffen.

Wie ich schon zuvor am Flughafen erfahren hatte waren die Flieger aus Ankara sehr teuer, was mir das Internet bestätigte. Ich beauftragte eine iranische Reiseagentur mit der Beantragung eines Visums mit meinem zweiten Pass, da das Risiko einer Ablehnung meines Visa-on-Arrival zu groß war, wie ich von ihnen und ebenfalls der deutschen Botschaft in Ankara erfuhr.

Die Zeit in Ankara verbrachte ich bei Ali, den ich über Couchsurfing kennen gelernt hatte und der ein wunderbarer Gastgeber war und zusammen mit dem Ukrainer Eugene, den ich bereits an meinem ersten Tag kennen gelernt hatte, machte ich Straßenmusik. Es hätte mir auch schlechter gehen können.

Dann kam der langersehnte Tag und ich erhielt morgens die Nachricht über die Bestätigung meines Visums. Ich sammelte mein Hab und Gut zusammen, was inzwischen um ein paar Kleidungsstücke, Hygieneartikel, einen Rucksack und eine billige Gitarre gewachsen war und machte mich Richtung Botschaft auf den Weg. Dort angekommen konnte ich es kaum glauben.

Mir wurde das Visum ein weiteres Mal verwehrt!

Ich konnte es nicht fassen. Der Herr hinter der Glasscheibe wollte mir mein bereits bestätigtes Visum nicht aushändigen. Ich war mit dem einen Reisepass in die Türkei eingereist, hatte aber mit dem anderen das Visum für den Iran. Ändern sie einfach die Reisepassnummer in ihrem Antrag und dann können sie es abholen, lautete seine Empfehlung. Ich konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht sagen aber spürte, dass es nicht funktionieren sollte, da Visa-Anträge schon bei kleinen Fehlern abgelehnt wurden und so eine grundlegende Änderung entweder eine massive Verzögerung nach sich ziehen würde oder schlicht weg nicht möglich ist. Genauso war es dann auch teilte mir das iranische Reisebüro mit.

Es gab jetzt zwei Möglichkeiten, ich konnte einen neuen Antrag stellen, welcher aber 10 Tage brauchen würde oder ich machte etwas wegen dem Stempel in meinem Pass.

So kam es dann, dass ich den Abholort meines Visums nach Tiflis in Georgien ändern ließ, was sich als relativ einfach gestaltete und aus Ankara über Istanbul meinem Visum hinterher flog. Dort durfte ich dann noch einmal neue Passfotos machen, überwies die Gebühren und bekam nach zwei Tagen in der georgischen Hauptstadt tatsächlich mein Visum.

Über Jerewan, Armenien, fuhr ich die nächsten 24 Stunden erst mit einem „Shared-Taxi“, das aus zwei Armeniern auf dem Heimweg und einem jungen Mann aus Katar bestand und dann mit einem durchaus komfortablen Reisebus die zweite Etappe Richtung Grenze.

Ich schreibe diese Worte aus dem Norden Irans. Die Einreise hat geklappt als wäre nie etwas gewesen und nach den ersten zwei Tagen im Iran muss ich sagen, dass auch wenn ich 300 Mal in iranischen Botschaften anrufen und drei Flüge nehmen musste, in vier verschiedenen Botschaften und drei verschiedenen Ländern war und über fünf Wochen auf mein Visum warten musste habe ich das Gefühl, dass es die Anstrengungen wert war.

Back on track! Iran here I come!

3 thoughts on “Luca gestrandet in der Türkei

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