Gemischte Gefühle in Bangladesch

Über allen Ereignissen stand für mich natürlich die Ankunft von Valentina in Dhaka. Rund fünf Monat, der kleine Zwangsurlaub in der Heimat wegen des Pakistan Visums ausgenommen, war der schwere Abschied zwischen mir und Valentina schon her. Umso mehr fieberten wir beide unserer lang ersehnten Wiedervereinigung entgegen. Dominik und ich waren schon einen Tag zuvor per Flieger in Dhaka angereist, da unser Auto doch tatsächlich beschlossen hatte, nachdem es den Bergen Nepals, der Wüste Irans und mehreren tausend Schlaglöchern in zwölf Ländern getrotzt hatte, in West Bengalen den Geist auf zu geben. Vielleicht hatte es sich aber auch Kalkutta als Ende unserer Reise gemerkt und schlichtweg keine Lust mehr auf die letzte Etappe nach Dhaka, Bangladesch, und zurück. Was es auch gewesen sein mag, die Feder des linken Hinterrads war gebrochen, ein Ersatzteil nicht auffindbar und so beauftragten wir den äußerst hilfreichen Harjit mit der Reparatur in Kolkata. Wir quartierten uns bei Ratul, der ein Freund unseres Bekannten Munif ist, für die erste Nacht in Dhaka ein.
Am nächsten Morgen war es dann soweit, Valentina und ich konnten uns endlich wieder in die Arme schließen. Wir trauten uns lediglich einen kurzen Begrüßungskuss auszutauschen, da wir nicht wussten, ob dies in dem muslimischen Bangladesch gestattet ist.

Wir genossen einen erholsamen Tag in Zweisamkeit, den Valentina zum Großteil damit verbrachte den Schlaf, den sie auf ihrer vierundzwanzig stündigen Anreise vermisst hatte, nachzuholen. Die folgenden Tage machten wir beide, gemeinsam mit Dominik, einige kleine Erkundungstouren der Umgebung, wobei Valentina eine erste Chance bekam, sich an das Chaos einer asiatischen Großstadt zu gewöhnen. An dieser Stelle muss leider bemerkt werden, was für eine andere Erfahrung es ist mit einer Frau auf den Straßen unterwegs zu sein. Waren Dominik und ich es schon gewohnt permanenten neugierigen Blicken ausgesetzt zu sein, bemerkten auch wir die Weise, auf welche viele der Männer auf den Straßen Valentina beäugten. In Bangladesch ist es ähnlich wie in den ebenfalls sehr muslimisch geprägten Ländern Iran und Pakistan, in denen der Alltag der Frau größtenteils zuhause stattfindet. Diese Lebensweise führt dazu, dass Frauen auf den Straßen und im öffentlichen Leben kaum anzutreffen sind und der Anblick einer weißen Frau eine echte Seltenheit ist. Auch wenn Valentina kein Kopftuch trug, war sie für eine Touristin angemessen gekleidet, was sie aber leider nicht vor den unangenehmen Blicken vieler Männer schützte.

Das Ganze gipfelte bei unserem Ausflug mit dem äußerst netten Farazi, ein weiterer Freund Munifs, der uns die wenigen Attraktionen, der nicht auf Tourismus ausgelegten Stadt, zeigte. Wir bewunderten das Lalbag-Fort, eine unvollendete Festungsanlage aus der Mogulzeit, sowie einen Tempel und machten uns dann zu Fuß durch die Altstadt Dhakas Richtung Hafen auf den Weg. Hier herrschte in den kleinen Einkaufsgassen ein Verkehrschaos an Rollern und Fahrradrikschas, dass selbst Dominik und ich auf unserer Reise so noch nicht erlebt hatten. Es war leider alles andere als ein Spaziergang durch die Altstadt, was wohl nicht zuletzt an den bevorstehenden Feiertagen lag. Tausende von Menschen erledigten ihre Einkäufe oder bahnten sich den Weg durch die Menschenmassen Richtung Hafen. Valentina, für die es sich in diesem Chaos anfühlte als würde sie unter ständiger Beobachtung von gaffenden Männern stehen, war es besonders anstrengend und sie wusste sich nur so zu helfen, dass sie versuchte diese nicht zu beachten und ihren Blick auf den Boden zu richten.

Wir kämpften uns tatsächlich bis zum Hafen durch, beschlossen von dort den schnellsten Weg aus dem Trubel zu nehmen und riefen ein Uber, was sich auf unserer Reise als eine der besten, preisgünstigsten und zuverlässigsten Fortbewegungsmittel herausgestellt hat. Zu sehen wie anders es ist auf der Straße als westliche Frau umherzulaufen, war leider im Ganzen eine sehr frustrierende Erfahrung. Wir haben natürlich gewusst, dass es etwas anderes ist solche Länder als Frau zu bereisen und haben die ein oder andere unangenehme Situation erwartet. Trotzdem hofften wir ähnlich positive Erfahrungen wie wir sie auf unserer Reise mit den Einheimischen gemacht hatten, mit Valentina teilen zu können. Wir hatten während unseres Roadtrips nie das Gefühl belästigt zu werden. Klar konnte die Aufmerksamkeit, die wir bekamen zu Weilen einmal ein wenig anstrengend sein, aber es wandte sich immer zum Guten. Traurigerweise verhielt es sich bei ihr anders und nur die wenigsten erwiderten einen freundlichen Gruß…
Auch wenn es eine bedrückende Erfahrung war, ist es gut sie gemacht zu haben, um uns beiden Männern ein wenig die Augen zu öffnen.

Es war aber längst nicht alles schlecht in Bangladesch.

Auch wenn Valentina hier natürlich das letzte Wort hat, machte unsere Bekanntschaft mit Munif vieles wieder wett. Zu unserem großen Glück hatte Simon, ein bemerkenswerter Mensch, über dessen Leben man ein Buch schreiben sollte, uns mit dem gebürtigen Bangladeschi zusammengebracht. Munif empfing uns alle mit so viel Herzlichkeit und auch seine Mutter schließ Valentina direkt in ihr riesiges Herz. Dank Simon haben wir einen Freund fürs Leben gefunden, der auch in Zukunft von Travel for Smiles eine große Rolle spielen wird.

Gemeinsam statteten wir auch „Families for Children“ einen Besuch im Namen von Travel for Smiles ab und Munif leitete einige Spiele zur Verbesserung von verbaler und körperlicher Kommunikation. Mehr dazu findet ihr im Spendenpost.

Nach lediglich fünf Tagen ging unsere gemeinsame Zeit zu Ende. Mal wieder zu früh für uns alle aber auch dieser Besuch wird mit Sicherheit nicht der letzte gewesen sein.
Bei einem Bier saßen Dominik und ich dann tatsächlich das letzte Mal auf unserer Reise zusammen. Aber auch bei diesem Abschied schmiedeten wir schon wieder große Pläne für die Zukunft, was es schon eher den Anfang von etwas Neuem werden ließ. Es bedeutet also keines Weges Lebewohl…

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